Gemüse_gesund_kinder_ablehnen

Fünf am Tag – den Slogan der deutschen Gesellschaft für Ernährung kennst du vielleicht. Es geht um die Empfehlung, täglich mindestens zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse zu essen.  Irgendwie sind wir uns da ja auch alle einig: Gemüse ist gesund. Spinat macht stark, Karotten sind gut für die Augen und ein Apfel am Tag beugt Arztbesuchen vor. Warum sind denn Gemüse und Obst so gesund – bzw. sind sie denn wirklich so gesund? Und warum zum Teufel ist dann gerade das Gemüse – eigentlich schon pauschal – immer das, was auf dem Teller der Kinder liegen bleibt oder gar nicht erst genommen wird. Warum ist das Gesunde oft bitter und das, wovon die Kinder naschen möchten, zuckersüß? Oder vielleicht andersherum? Warum mögen die Kinder das Bittere nicht, wohl aber das Süße? Das Thema ist komplex und auch nicht gänzlich erforscht. Gerade die Frage, wie gesund Gemüse wirklich ist, lässt sich nicht so einfach beantworten.

Gemüse als das beste Nahrungsmittel?

Die Vielfalt an Vitaminen in Gemüse ist unschlagbar. Vitamin A, B, C, D, E, K, das halbe Alphabet ist hier vertreten. Eine ausgewogene Ernährung beinhaltet meiner Meinung nach alle Lebensmittelgruppen, von der einen mehr, von der anderen möglicherweise weniger. Es ist in der Tat so, dass das Spektrum an Vitaminen in Gemüse besonders hoch ist. Getreide beispielsweise enthält vorrangig Vitamine der B-Gruppe. Dasselbe gilt für Fleisch.  Es geht mir hier aber weder darum, zu behaupten, Gemüse sei das Beste aller Lebensmittel – denn ich bin der festen Überzeugung, dass die Kombi mit anderen Nahrungsmitteln und die größtmögliche Vielfalt entscheidend sind. Noch möchte ich in irgendeiner Weise Getreideprodukte, Nüsse, Hülsenfrüchte und weitere Lebensmittelgruppen wie Pseudogetreide oder Fette und Öle als ungesund hinstellen. Denn das sind sie absolut nicht. Viele andere wertvolle Inhaltsstoffe finden sich sowohl in Gemüse, als auch in Getreideprodukten, Milchprodukten, Nüssen und Saaten und Obst sowieso. Das geht bei Ballaststoffen los, betrifft aber auch zum Beispiel Mineralstoffe wie Magnesium, Calcium etc. Auch möchte ich nicht unterschlagen, dass es Nährstoffe gibt, die in Gemüse selten zu finden sind, wie beispielsweise die Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin D.

Was hat Gemüse, was andere Nahrungsmittel nicht haben?

Es gibt tatsächlich etwas, was zumindest für die große Gruppe der pflanzlichen Nahrungsmittel einmalig ist. Der Name sagt es bereits: Sekundäre Pflanzenstoffe. Diese Gruppe äußerst verschiedener chemischer Naturstoffe aus Pflanzen war uns lange ein Rätsel und ist es noch. So richtig lebensnotwendig sind diese Stoffe für die Pflanze nämlich nicht. Wofür braucht sie sie? Zum Beispiel, um Feinde abzuwehren, ob das Fraßfeinde sind, Umweltgifte oder UV-Strahlen. Aber auch, um Insekten anzulocken. Dass sie darüber hinaus auch für uns Menschen super gesund sind – alle auf ihre Art – das wusste man lange nicht. Inzwischen gibt es viele Hinweise auf die gefäßschützenden, antioxidativen, entzündungshemmenden oder krebsvorbeugenden Eigenschaften dieser Stoffe. Vielleicht sagen dir Carotinoide etwas. Sie sind zuständig für die gelb-orangene Farbe von Karotten, Paprika oder Süßkartoffeln. Oder auch die Polyphenole, die Beerenobst dunkel färben. Andere, wie Phytosterine, Saponine oder Sulfide sind farblos. Gemeinsam haben sie ihre Eigenschaft, viele Gemüse- und Obstsorte zu superfood zu machen.

Warum ist Gemüse besser als Obst?

Ganz schön reißerisch, meine Überschrift;-) Zumal ich das so nicht unterschreiben möchte. Superreifes, leuchtendes Obst ist häufig noch vitaminreicher als so manche Gemüsesorte. Je länger es reift, umso mehr der Vitamine können sich bilden. (Das ist übrigens ein großes Problem der heutigen Zeit mit dem Ernten noch unreifer Früchte!)  Was auch während der Reifung passiert: Die enthaltene Stärke wird nach und nach in Zucker umgewandelt. Darum schmecken reife Früchte so herrlich süß. Die Empfehlung der DGE, im Gegensatz zu den drei Portionen Gemüse lieber nur zwei Portionen an Obst zu verzehren, hat genau diesen Hintergrund: Obst enthält relativ viel Zucker.  Nun wird klar, warum Kinder es dem Gemüse häufig vorziehen. Auch, wenn es sich dabei um Fruchtzucker handelt, hat dieser im Vergleich zu seinem synthetischen Verwandten den gleichen Energiegehalt und übrigens auch die gleiche Wirkung auf unsere Zähne und die unserer Kinder. Kurz: Gemüse ist nicht „besser“ als Obst. Wie soll man auch „besser“ definieren? Es ist aber tatsächlich bei gleichwertigem Nährstoffgehalt energieärmer. Hat somit also eine hohe sogenannte Nährstoffdichte.

Warum Kinder Gemüse ablehnen

Natürlich liegt es mir fern, die Aussage: Kinder mögen kein Gemüse, zu pauschalisieren. Viele Kinder sind da gar nicht so schlecht drin. Manche sind richtig gut. Einige mögen es zumindest roh, andere gekocht. Hier und heute geht es aber um die kleinen Mäkler.

Ich bin sicher, dass der Charakter ein Teil der Wahrheit ist. Während zum Beispiel mein mittleres Kind mit einem westfälischen Dickschädel gesegnet ist und niemals etwas essen würde, was ihm nicht schmeckt, habe ich auch ein etwas zugänglicheres, schon immer sehr vernünftiges Exemplar zuhause, welches durchaus auch bei Gerichten zugreift, die ihm nur mittelmäßig schmecken. Wenn dein Kind so eines ist, kannst du stolz sein, denn dies erfordert ein gewisses Maß an Vernunft und Einsicht, Eigenschaften, die viele Kinder erst nach und nach entwickeln. (“ Es kann nicht immer nur mein Lieblingsgericht geben“ oder „wenn ich das esse, tue ich meiner Gesundheit etwas Gutes“, oder „Wenn ich das jetzt nicht esse, habe ich später Hunger“).

Dein Kind ist vermutlich nicht mehr in deinem Bauch und auch kein Säugling, sonst würdest du dich nicht für diesen Artikel interessieren. Dennoch möchte ich ansprechen, dass auch die Zeit im Mutterleib, sowie die Stillzeit, einen prägenden Einfluss auf die Geschmacksvielfalt deines Kindes hat. Das Fruchtwasser ist ein Querschnitt durch den Speiseplan der Mama, da es den Geschmack der Nahrungsmittel annimmt. Dasselbe gilt für die Muttermilch.

All das erklärt aber noch nicht, warum von allen Lebensmitteln besonders das Gemüse gerne abgelehnt wird. Das Kind lernt von Beginn an, dass Dinge, die süß schmecken, keine Gefahr birgen. Die Muttermilch schmeckt süß und wenn man es evolutionstechnisch betrachtet, auch die Beeren die man pflegte zu sammeln. Bitteres hingegen hieß ‚Gefahr‘ und konnte giftig sein. Oft schütteln wir den Kopf darüber, was unser Kind als bitter empfindet. Wie kann es den Mund verziehen, wenn es Brokkoli kostet? Da war die Natur sehr clever. Die Organe von Kindern sind in den ersten Lebensjahren noch nicht vollständig ausgebildet. Auch die Leber als wichtiges Entgiftungsorgan braucht noch ein Weilchen für ihre Entwicklung. Solange das alles noch nicht 100%ig funktioniert, wäre eine Vergiftung fatal für das Kind. Es schmeckt deshalb alles Bittere und Herbe noch um einiges bitterer und herber als wir Erwachsenen. Es schützt sich damit selbst. Vielleicht ein kleiner Trost, denn wenn die Organe voll ausgebildet sind, dann wir das auch mit dem Geschmack langsam besser.

Kinder können lernen

Abwarten und Tee trinken? So ganz falsch ist das ja nicht, denn Geduld ist definitiv gefragt. Aktiv werden darfst du aber dennoch. Kinder lernen mit all ihren Sinnen, durch nachahmen, durch mitmachen, durch ein positives Gefühl. Genauso durch Routinen, Rituale, durch Erkenntnisse („das schmeckt mir ja doch!“) Durch Vorbild. Aus alle diesen Quellen des Lernens ergibt sich ein ganzer Strauß an Möglichkeiten, wie du positiv Einfluss nehmen kannst. Regelmäßige Mahlzeiten – die Zeit bei Tisch als Familienzeit zelebrieren. Zusammen einkaufen – kleine Lebensmittelkunde auf dem Wochenmarkt: Riechen, tasten, nach Farben einkaufen. Wo kommt meine Suppe her, bevor sie eine Suppe ist? Wie sieht Lauch oder Kohlrabi aus? Gemeinsam kochen: Wie wird denn nun aus dem Lauch die Suppe? Naschen inklusive! 8 bis 15 Kontakte zu einem Lebensmittel braucht ein Kind, um einen Schritt weiter zu gehen und es möglicherweise zu verkosten. Ein Kontakt kann dabei alles Mögliche sein: Das Einpacken der Karotten im Supermarkt, das Spielen mit den liebevoll geschnippelten Karottenstiftchen, das Begutachten der Karottensuppe auf Mamas Teller, oder auch das Eintauchen mit dem Finger (ist die heiß?).

Ein paar Dinge möchte ich als besonders wichtig hervorheben:

  • Die Auswahl der Lebensmittel ist entscheidend. Und die liegt in deiner Hand. Wenn dein Kind die besagten Kontakte mit ungeliebten Lebensmitteln nicht hat, weil du nach dem ersten gescheiterten Versuch beschlossen hast, sie ihm nicht mehr vorzusetzen, dann nimmst du ihm die Möglichkeit, sie in seinem Tempo kennenzulernen und Vertrauen zu fassen. In letzter Konsequenz kann dein Kind nicht lernen, dieses Nahrungsmittel eines Tages zu mögen.
  • Du bist das Vorbild: Man hat nachgewiesen, dass schon sehr kleine Kinder bei Tisch (und auch sonst) gerne diejenigen beobachten, die bei dem, was sie tun, positiv sind und wirken. Die Erkenntnis deines Kindes ist: Das scheint Spaß zu machen, meiner Mama gut zu tun und gefährlich kann es schon erst recht nicht sein.
  • Bleib gelassen, zuversichtlich und am Ball: Da kann ich dir nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Wenn der unberührte Teller zurück in die Küche geht oder das Essen sogar in den Müll wandert, dann frustriert das natürlich auch mich. Wie oft platzte es schon aus mir heraus: Für euch koche ich nicht mehr, ihr könnt Butterbrote essen. Aber ich lerne und werde gelassener. Und vor allem bleibe ich am Ball. Dieser Weg und kein anderer. Weil ich überzeugt bin, dass es der richtige ist. Unterwegs freue ich mich über alle kleinen und größeren Erfolge. Und die gibt es – auch bei dir!

Quellen

  • Dr. Carlos Gonzàlez – Mein Kind will nicht essen. La Leche Liga Deutschland e.V.
  • https://www.tagesspiegel.de/themen/genuss/geschmacksentwicklung-bei-kindern-ist-das-etwa-gemuese/14492694.
  • https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/ernaehrungswissenschaft-wie-eltern-den-geschmack-ihrer-kinder-praegen-1.3306986

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